Das Geheimnis zwischen Kennen und Können

5 Minuten

In unserer ständig wachsenden und sich wandelnden Wissensgesellschaft ist das effektive Lernen und Behalten von Informationen unerlässlich geworden. In diesem Blogbeitrag geht es um die Rolle des Schreibens, um neues Wissen zu erwerben, es umzusetzen und langfristig auch beizubehalten.

Früher dachte man, dass sich das menschliche Wissen alle hundert Jahre verdoppelt. Aber mit der Digitalisierung, dem Internet und technologischen Neuerungen wie künstlicher Intelligenz hat sich diese Rate dramatisch erhöht. Schätzungen zufolge verdoppelt sich das Wissen heute bereits alle 12 Monate oder sogar noch schneller.

Gleichzeitig verblasst das neu erlernte Wissen schnell wieder, wenn es nicht regelmäßig angewandt oder wiederholt wird. Hermann Ebbinghaus, ein Pionier der Gedächtnisforschung, hat dieses Phänomen im 19. Jahrhundert untersucht. Er zeigte auf, wie rasch unser Gedächtnis Informationen verliert, wenn sie nicht erneut aufgefrischt werden. Dies illustriert auch die sogenannte Ebbinghaus-Vergessenskurve.

Ebbinghaus Vergessenskurve
Ebbinghaus Vergessenskurve

Das Ansammeln neuen Wissens – das „Kennen“ – ist für eine Vielzahl an Menschen bereits ausreichend. Wenn sie eine Information sehen oder hören, denken sie automatisch: „Das kenne ich bereits, das ist nichts Neues für mich.“ Diese Gedanken sind sehr verständlich, vor allem wenn wir etwas schon länger wissen. 

Allerdings bergen sie die Gefahr, dadurch einen großen Denkfehler zu begehen. Denn unser Gehirn ist aufgrund einer solchen Einstellung automatisch weniger aufmerksam und offen für weitere Informationen. Dadurch entgehen uns womöglich kleine und gleichzeitig wichtige Details, die wir beim ersten Mal gar nicht erkennen konnten, weil wir damals noch gar keinen Bezug zu diesem für uns völlig neuen Thema hatten. 

Die zusätzlichen Informationen könnten jedoch für uns wichtig sein, um das Wissen auf die nächsten Stufen zu bringen. In der Schule hat man uns leider nicht beigebracht, dass wir beim Lernen verschiedene Kompetenzstufen durchlaufen, die von der bloßen Anhäufung dieses Wissen bis hin zur Fähigkeit reichen, es kreativ und in neuem Zusammenhang anzuwenden. 

Erst, wenn Du Dich an dieses Wissen nicht nur passiv erinnerst, sondern es auch verstehst, wirst Du in der Lage sein, es auch in Deinen alltäglichen Handlungen umzusetzen. Deine Umsetzung regelmäßig zu reflektieren wird Dich schrittweise vom „kennen“ zum „können“ bringen. Erst dann wirst Du sein volles Potenzial nutzen können, indem Du es in einem völlig neuem Zusammenhang kreativ einsetzen kannst. 

Ein populäres Modell, das diesen Prozess beschreibt, ist die Taxonomie von Bloom. Es beginnt mit dem reinen „Kennen“, dem Erinnern von Fakten, und steigert sich bis zum „Erschaffen“, dem Kreieren von Neuem auf Basis unseres Wissens. Nur durch das Durchlaufen aller dieser Stufen können wir sicherstellen, dass unser Lernen tiefgreifend und nachhaltig ist. 

Blooms Taxonomie
Blooms Taxonomie

Schreiben unterstützt Dich bei diesem Prozess auf jeder Ebene, indem es Dir ermöglicht, Dein Verständnis zu artikulieren, zu reflektieren und zu vertiefen. Somit ist Schreiben wichtig, um neues Wissen zu verstehen, es umzusetzen und später dann, um Dein neues Können nicht nur zu behalten, sondern auch weiter zu verbessern.

Starten wir zuerst beim Erwerb neuen Wissens. Hier unterstützt Dich Schreiben bei Deinem kognitiven Prozess, der Dein Denken, Lernen und Verstehen beeinflusst. Beim Schreiben verarbeitest Du Informationen aktiv, indem Du sie analysierst, organisierst und in eigenen Worten wiedergibst. 

Dieser Prozess fördert das tiefere Verständnis eines Themas. Forschungen zeigen, dass handschriftliches Schreiben im Vergleich zum Tippen auf einer Tastatur zu einer besseren Gedächtnisleistung beiträgt. Schreiben ermöglicht Dir außerdem, Dein Wissen und Verständnis zu reflektieren, Wissenslücken zu identifizieren und diese gezielt zu schließen.

Notizen zu machen, kann auf den ersten Blick einfach erscheinen, doch es sollte nicht bloßes Abschreiben sein. Stattdessen sollte Notieren das Ergebnis aktiven Zuhörens oder Lesens sein, bei dem Du den Inhalt kritisch betrachtest und in eigene Worte fasst. Beim Notieren ist es wichtig, Hauptpunkte von Nebenpunkten zu unterscheiden und die Informationen entsprechend zu strukturieren.

Nach dem Anfertigen Deiner Notizen folgt als nächster Schritt die Auswertung und Organisation Deines neu gewonnenen Wissens. Verbinde verwandte Themen und Konzepte miteinander, um schrittweise daraus Dein persönliches Wissensnetzwerk zu erstellen. Stelle sicher, dass Du immer wieder auf Deine Notizen zurückgreifst. Diese regelmäßige Wiederholung festigt das Gelernte und zeigt, welche Bereiche noch Aufmerksamkeit erfordern.

Zusätzlich ist das regelmäßige Schreiben, etwa in Form von Zusammenfassungen, eine exzellente Methode, um Dein Wissen zu überprüfen. Beim Schreiben musst Du Deine Gedanken strukturieren und logisch darstellen, was das Verständnis weiter vertieft. Lasse Deine Texte auch von anderen lesen. Feedback zeigt Dir, wo Du bereits sicher im Thema bist und wo noch Unklarheiten bestehen. Eine wunderbare Möglichkeit dafür bietet Dir ein Blog, wo Du über Deine neuesten Erkenntnisse schreiben könntest.

Neben der Wissensverankerung hilft das Schreiben außerdem dabei, am jeweiligen Wissen dranzubleiben. Hast Du schon einmal darüber nachgedacht, ein Lerntagebuch oder ein Fortschrittsjournal zu führen? Sie ermöglichen Dir, Deinen Lernweg zu dokumentieren und festzuhalten, welche Fähigkeiten Du bereits erworben hast und welche noch gefestigt werden müssen.  

Dein Fortschrittsjournal könnte Dich auch dabei unterstützen, Deine Fertigkeiten und Fähigkeiten lebendig zu halten und nicht nur das theoretische Wissen zu konservieren, sondern auch das praktische Können zu dokumentieren. Denn Theorie ohne Praxis verblasst mit der Zeit. Dokumentiere alle Beispiele, bei denen Du Dein neues Wissen angewandt hast oder reflektiere schriftlich über Deine Erfahrungen. 

Schreiben ermöglicht Dir dabei, Deine Fähigkeiten ständig zu überdenken und zu aktualisieren. Wenn Du eine neue Technik oder Methode erlernst, schreibe darüber, wie Du sie in der Praxis angewandt hast, welche Herausforderungen Du dabei hattest und wie Du diese überwunden hast. Dies hilft nicht nur, Dein Können zu festigen, sondern auch, es in zukünftigen Situationen effektiver einzusetzen. 

Die höchste Stufe erkennst Du daran, wenn Du in der Lage bist, dieses Wissen kreativ in einem anderem Zusammenhang einzusetzen. Solche Inspirationen tauchen häufig nebenbei und mit einer scheinbaren Leichtigkeit auf, dass Du sie unter Umständen gar nicht bemerkst. Sie könnten plötzlich bei einem Spaziergang, unter der Dusche, bei der Hausarbeit oder auch in einem Gespräch auftauchen. Nachdem solche Ideen sehr flüchtig sind, schreibe sie Dir sofort auf, damit Du sie keinesfalls vergisst.

Du siehst also, dass Schreiben beim Wissenserwerb wichtige Aufgaben erfüllt, damit Du von „Kennen“ zum „Können“ gelangst. Durch aktives, bewusstes und reflektiertes Schreiben wirst Du Dein Know-how nicht nur festigen, sondern auch in echte, anwendbare Fähigkeiten umwandeln, um sie später kreativ in neuem Zusammenhang einsetzen zu können. Du wirst dadurch das neue Wissen langfristig gesehen noch besser für Dich nutzen können.



Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert

zwanzig + 1 =